Kinderfrau Agrafena war eine der ältesten Drachinnen, nicht umsonst begann ihr Name mit einem A. Sie trug immer eine riesige graue Haube, eine alte Brille und mochte Unfug überhaupt nicht!
Davon gab es im Zimmer unter dem Buchstaben F mehr als genug. Mal brannte Friedrich mit Funken ein Loch in den Bettbezug, mal pustete Filius Schnee ins halbe Zimmer – dann musste man hinter ihm herkehren.
Und wenn die Drachenkinder von der Kinderfrau durch den Park flogen, konnte man sie suchen und pfeifen, aber nicht zurückbekommen.
So musste Agrafena die Drachenkinder ständig zurechtweisen und für ihre Streiche tadeln. Aber eigentlich liebte sie sie, und vor dem Schlafengehen erzählte sie ihnen immer Märchen. Zauberhafte, außergewöhnliche.
Dafür konnte man all das Schimpfen und Zurechtweisen ertragen. Eines Abends vor dem Schlafengehen erzählte die Kinderfrau ein neues Märchen. Es ging um ein unbekanntes Tier namens Mammutchen und seine Abenteuer, aber das Interessanteste kam am Ende, als es seine Mama fand.
Was ist denn eine Mama?
fragte Filius plötzlich. Er hatte dieses Wort irgendwo schon einmal gehört.
Eine Mama ist die, die Kinder hat.
sagte die Kinderfrau.
Aber wir sind doch auch Kinder?
fragte Faya nachdenklich.
Natürlich.
Wo ist denn dann unsere Mama?
fragte Friedrich gekränkt.
Ihr habt keine Mama. Schluss mit den Fragen, es ist Zeit zu schlafen.
sagte Agrafena streng und seufzte, als sie sich abwandte. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass niemand im Drachenkinderzimmer schlafen wollte – überall blickten sie traurige Augen an.
Na gut, jeder bekommt ein grünes Bonbon und dann wird geschlafen.
entschied sie. Alle wurden sofort munter, die Traurigkeit war wie weggeblasen. Die Kinderfrau ging geduldig durch das Zimmer und verteilte Trost. Nur ein Drache nahm kein Bonbon. Filius.
Nimm es, grün ist doch dein Lieblingsbonbon.
sagte Agrafena schmeichelnd.
Ich mag irgendwie nicht.
sagte Filius traurig.
Na, wie du meinst.
sagte die Kinderfrau und löschte das Licht. Keine fünf Minuten später schnarchten alle einträchtig und rauchig. Aber was war das? Plötzlich wurde es kälter. Ein seltsames rhythmisches Klopfen auf dem Holzboden war zu hören.
Die Kinderfrau wusste sofort, was los war, und ging zu Filius' Bett. Er weinte eiskalte Tränen, und der ganze Boden um ihn herum war schon mit Schnee bedeckt von seinem eigenen kalten Atem.
Sch-sch-sch-sch.
zischte sie, als er laut aufheulte.
Na, was ist denn jetzt schon wieder?
Ich habe mich an meine Bekannte Anna erinnert. Sie hat so geweint, als ihre Mama verloren ging. Und ich habe meine Mama noch nie gesehen... Hu-hu-hu-hu...
heulte Filius.
Jetzt reicht's, du frierst hier noch alles ein. Komm, steh auf, wir gehen.
winkte sie ihm zu.
Wohin?
schluchzte Filius und überschüttete die Kinderfrau mit einer Ladung nassen Schnees.
Du wirst es sehen.
Die Kinderfrau öffnete die Tür des Schlafzimmers.
Folge mir!
Und der Drache flog gehorsam hinter der alten Agrafena in den Nachthimmel. Sie flogen fast bis zur Spitze des Drachenbaums. Auf einem Ast landeten sie und gingen zu Fuß weiter. Die Kinderfrau führte Filius fast bis zum Stamm.
Auf diesem Ast haben wir dich gefunden, im schönsten Samenkorn mit lila Schimmer.
Die Kinderfrau lächelte bei der Erinnerung.
Du warst so klein und runzlig, aber so süß und sehr heiß! Du hast geraucht wie eine Lokomotive!
Also bin ich auf einem Baum geboren?
Ja, wie wir alle. Wir sind die Früchte des Drachenbaums.
Also ist unsere Mama ein gewöhnlicher Baum?
sagte Filius enttäuscht.
Warum gewöhnlich?
Sie berührte liebevoll die Rinde.
Komm her.
Filius ging schüchtern näher und berührte ebenfalls den Baum. Die Rinde war rau und schuppig, aber der Drache spürte plötzlich eine unbestimmte Wärme in seiner Drachenpfote. Filius fasste Mut und umarmte den Baum, breitete seine Arme so weit aus, wie er nur konnte.
Der Baum raschelte als Antwort mit seinen Blättern und wärmte sein von Tränen kaltes Gesicht.
Und Filius lächelte. Jetzt wusste er, Mama war ganz nah!