Hallo, mein junger Zuhörer. Ich bin ein Märchen über Tiere, die verschiedene Sprachen sprechen. Jetzt wirst du erfahren, warum Katzen nicht zwitschern wie Vögel und Hunde nicht muhen wie Kühe.
Hör gut zu und merk dir's... Oh, aber du hast ja gar keinen Schnurrbart! Dann eben... Schreib's dir hinter die Ohren! Obwohl nein, nicht schreiben auf so ein kleines, süßes Ohr. Komm, du merkst dir einfach, warum alle Tiere unterschiedlich sprechen. Abgemacht? Nun, hör zu.
Vor langer, langer Zeit sprachen alle Tiere eine gemeinsame Sprache. Ja, wirklich! Ich erinnere mich nicht mehr, wie das für das menschliche Ohr klang. Vielleicht "blüm-blüm" oder "purli-churli". Oder "dyschik-kabydyschik". Oder sogar singend: "pu-u-uchiki-puchiki, pu-u-uchiki-lapuchiki". Das ist so lange her, dass sich niemand mehr genau erinnert.
Die Hauptsache war – alle verstanden einander. Zum Beispiel geht ein Bär über ein Feld, mit seinen großen Pfoten "tapp-tapp", und eine Biene ruft:
Vorzzzicht! Geh zur Zzzzeite! Ich zzzammle hier Nektar!
Und er – zack! – zog seine Pfote zurück und trat nicht auf die Blume mit der Biene. Oder ein anderes Beispiel: Ein kleines Häschen hat sich beim Spielen verirrt. Es kam zu einem Bach und fragte einen Karpfen:
Ent-entschuldigung, bi-bitte. In we-welcher Richtung ist mein grü-grüner Hügel mit den Gä-Gänseblümchen?
Der Karpfen antwortete:
Der blu-blubgroße Hügel hinter der blu-blunächsten Eiche. Blu-blubverirr dich nicht mehr!
Wahrscheinlich hat man dir schon erzählt, dass Tiere gerne zum Wasser kommen. Zum Trinken, Baden und einfach um den Fluss oder See zu bewundern. Das ist sehr gesund und angenehm! Und so entspannend, dass sie früher oder später im warmen Wasser ihre Geheimnisse zu besprechen begannen.
In der Zeit, als verschiedene Tiere gleich sprachen, wussten die Fische alles über alle. Und sie selbst plauderten gerne. Deshalb begannen sie, fremde Geheimnisse auszuplaudern.
Eines Tages erzählten sie den Wildschweinen, was sie von den Wölfen gehört hatten, wohin diese zur Jagd gehen würden. Am nächsten Tag verrieten sie den Eichhörnchen, was sie von den Wildschweinen gehört hatten, wo man viele Eicheln sammeln kann. Das nächste Mal verrieten sie den Eulen, was sie von den Eichhörnchen gehört hatten, wie diese ihre Höhlen tarnen.
Tag für Tag – und die Tiere hatten keine Geheimnisse mehr. Alle versteckten Nester und Höhlen waren kein Geheimnis mehr und konnten ihre Bewohner nicht mehr schützen. Alle wenig bekannten Lichtungen mit Beeren und Nüssen wurden schnell zertrampelt. Es begann Chaos zu herrschen, überall siedelte sich Zwietracht an.
Am meisten aber ärgerten sich die Tiere über die Fische. Sie sagten:
Wegen eures Klatsches ist kein Leben mehr möglich, Plaudertaschen! Ihr solltet eure Zungen verschlucken und nie mehr unnötig schwatzen!
Die Fische waren beleidigt, dass man sie beschimpfte. Sie nahmen – und verschluckten ihre Zungen! Und bis heute sprechen sie mit niemandem.
Aber die Tiere vertrauten niemandem mehr. Und beschlossen, sich geheime Laute auszudenken. Die Mäuse begannen zu piepsen, damit niemand erraten konnte, wo die neuen Höhlen waren. Die Vögel begannen zu zwitschern, zu pfeifen und zu singen, damit andere nicht verstanden, worüber sie tschilpen. Die Füchse schnaubten nur noch die anderen an und bellten leise untereinander.
Bald vergaßen alle, wie sie früher miteinander gesprochen hatten. Jetzt verstehen nur Frösche das Quaken und Wölfe das Wolfsheulen. Und die Fische wedeln nur mit Flossen und Schwänzen, sagen aber laut nichts. So haben sich die Tiere wegen fremder Schwätzerei gestritten und ihre gemeinsame Sprache verloren.
Es ist zu spät zu beurteilen, wer mehr schuld war. Vielleicht hätte man in Gegenwart von Fremden nicht über seine Angelegenheiten sprechen sollen. Vielleicht hätte man nicht fremde Geheimnisse allen herumerzählen sollen. Auf jeden Fall gelten beide Dinge von nun an als schlechter Stil.
Ich hoffe, mein junger Zuhörer, du wirst dir gut merken, wozu unnötiges Geschwätz führt. Denk sorgfältig nach, bevor du etwas sagst. Sonst verlierst du die gemeinsame Sprache mit Freunden und Familie – und wirst dann allein dastehen.
Nun bin ich sehr müde und gehe schlafen. Gute Nacht!