Es lebte einmal ein Volk, das ein Zauberwort kannte. Doch eines Tages geschah es, dass das Wort verloren ging…
Hoch in den Bergen lag ein Dorf mit wunderbaren und fröhlichen Menschen. Tapfere Männer jagten in den Wäldern und fischten in den umliegenden Seen, während liebevolle Frauen die Häuser gemütlich machten, Lieder sangen und Blumen in den Gärten pflanzten.
Eines Tages erschien ein seltsamer Gast im Dorf, gekleidet in einen reich verzierten Wams und einen tief ins Gesicht gezogenen Hut. Etwas Unheilvolles lag in seiner Erscheinung. Dennoch empfingen ihn die Ältesten gastfreundlich. Zum Festmahl zu Ehren des Gastes kam das ganze Dorf. Die Ältesten erkundigten sich beim Gast: Mit welchem Anliegen sei er zu ihnen gekommen? Der Fremde grinste.
Ich bin gekommen, um ein vorteilhaftes Geschäft abzuschließen.
Der Gast klatschte in die Hände: Plötzlich erschien vor ihm eine Truhe und öffnete sich von selbst. Der Gast verkündete, dass jeder Dorfbewohner sich eine Sache daraus nehmen dürfe. Frauen und Kinder stürzten zur Truhe und stießen einen Schrei des Erstaunens aus: Was gab es dort nicht alles! Edelsteine, Schmuck, Spielzeug aus purem Gold. Die Männer konnten ihre Blicke nicht von den orientalischen Säbeln und silbernen Dolchen abwenden. So reich die Wälder und Seen um das Dorf auch waren, solche Geschenke gab es dort nicht zu finden! Die verblüfften Ältesten fragten den Gast, was er im Austausch für diesen Reichtum wolle.
Oh, eine Kleinigkeit! Im Gegenzug nehme ich euch nur ein einziges Wort. Ich klatsche in die Hände – und ihr werdet es für immer vergessen. Aber was ist schon ein Wort! Schaut nur, wie die Steine auf diesem Dolch funkeln!
Das Angebot schien perfekt. Alle stimmten zu – und der Fremde klatschte in die Hände.
Sofort hüllte Rauch alles ein, und als der Rauch sich verzog, war er verschwunden. Die Truhe jedoch war noch da – die Gäste stürzten sich sofort darauf, um die Gaben zu verteilen. Es stellte sich heraus, dass Gold und Edelsteine nicht für alle reichten.
Nach und nach gingen die lebhaften Gespräche in Streitereien über; Beleidigungen und Geschrei folgten – es wäre zu Blutvergießen gekommen, hätten die Ältesten nicht eingegriffen. Die Stimmung war bei allen verdorben. Die Gäste verließen das Haus schweigend.
Von da an waren die Dorfbewohner wie ausgewechselt. Die Männer wurden nervös und mürrisch. Die Frauen – böse und zänkisch. Beste Freunde zerstritten sich für immer, Liebende trennten sich.
Lieder und Scherze verstummten und machten ständigem Gezänk Platz. Keine Lieder erklangen mehr über dem Dorf, keine Gäste aus anderen Ländern strömten mehr herbei. Die Jugend verließ das Dorf in der Hoffnung, dass fern der Heimat der Fluch des ungebetenen Gastes sich auflösen würde.
Es schien, als hätte der Fremde dem Volk nicht nur ein Wort genommen, sondern ihr ganzes Glück und ihr ganzes Leben.
Die verzweifelten Ältesten lobten einen Sack Gold als Belohnung für denjenigen aus, der dem Volk das kostbare Wort zurückbrächte. Nun versammelten sich im Haus der Ältesten Wagemutige, Weise und Abenteurer und probierten tagelang Möglichkeiten durch.
Vielleicht Glück? Oder Gesundheit? Oder Harmonie?
Doch keine der Möglichkeiten – von den einfachsten bis zu den exotischsten – konnte den unsichtbaren Fluch aufheben.
Eines Tages erschien im Haus der Ältesten ein kleiner Junge, der Sohn örtlicher Bauern. Er war ein stilles und nachdenkliches Kind – statt mit anderen Kindern zu spielen, verbrachte er seine Zeit lieber mit Büchern. Der Junge verkündete, dass er die Antwort auf das Rätsel in alten Büchern finden könne, die von den Vorfahren der Dorfbewohner stammten, und bat um Zugang zur Bibliothek. Die Männer lachten, die Ältesten schüttelten die Köpfe – aber sie hatten nichts zu verlieren, und so erlaubten sie dem Jungen, es zu versuchen.
Drei Tage lang sah ihn niemand – der Bauernsohn studierte alte Bücher, ohne auch nur zum Essen oder Trinken herunterzukommen. Am vierten Tag kam er zu den Ältesten und verkündete, dass er die Lösung gefunden habe. Am seltsamen Glanz in den Augen des Jungen erkannten die weisesten Männer: Er scherzte nicht, und auch sie wurden von Hoffnung erfüllt. Die Ältesten umringten den Jungen und forderten ihn auf, ihnen das kostbare Wort zu sagen.
Der Junge schüttelte den Kopf und bat zunächst um etwas zu essen: Nach drei Tagen in der Bibliothek war er ganz schwach vor Hunger. Einer der Ältesten hatte Essen dabei: Brot und etwas Käse. Als er den Teller aus dessen Händen entgegennahm, sprach der Junge
Danke, Großvater!
Und plötzlich geschah ein Wunder. Auf dem mürrischen, von Schlaflosigkeit gezeichneten Gesicht des alten Mannes erschien zum ersten Mal seit vielen Tagen ein Lächeln. Er hob seine Augen zu den anderen, und da verstanden alle: Das Zauberwort war gefunden! Das Wort „Danke