Mama, wie groß ist mein Herz? – fragte Katja.
Ungefähr so groß wie deine Faust, – antwortete die Mutter.
Und Pulkas?
Pulka – ein schneeweißer flauschiger Malteser – rannte sofort zu Katja, als sie ihren Namen hörte, und wedelte freundlich mit dem Schwanz in Erwartung eines Spiels.
Pulkas? – die Mutter überlegte kurz. – Pulkas Herz ist sehr klein. Vielleicht so groß wie dein großer Zeh.
Wozu braucht man ein Herz? – fragte Katja weiter.
Die Mutter lächelte:
Oh, im Herzen werden viele wunderbare Dinge bewahrt. Zum Beispiel Mut. Das Herz eines mutigen Menschen nennt man tapfer. Ein gutes Herz hat jemand, der anderen immer hilft. Wenn jemand bereit ist, sein letztes Stück Brot zu teilen, bedeutet das, dass in seiner Brust ein großzügiges Herz schlägt. Du kannst immer das Schlagen eines treuen Herzens hören, wenn du einen echten Freund hast.
Und in einem Herzen kann auch Liebe wohnen. Ein liebendes Herz kann mutig, großzügig, gütig und treu sein. Von solchen Menschen sagt man: "Er hat ein großes Herz".
Wie interessant! – staunte Katja und streichelte den Hund, der aufmerksam ihrem Gespräch zuhörte. – Es ist schade, dass unser Pulka so ein kleines Herz hat. Darin passt sicher nicht so viel Gutes auf einmal.
Wer weiß, – antwortete die Mutter geheimnisvoll und ging in die Küche, um das Abendessen zu kochen.
Katja spielte noch ein wenig mit Pulka und beschloss dann, ein sehr interessantes Buch über treue Freunde zu Ende zu lesen. Sie setzte sich in einen Sessel am Fenster und begann zu lesen. Das Buch handelte von treuer Freundschaft, Selbstlosigkeit und der Bereitschaft, immer zu helfen. Pulka saß neben dem Sessel und beobachtete ihre Herrin aufmerksam.
Jetzt runzelt sie die Stirn, als sie Mitleid mit den Helden in Not empfindet, und dann leuchtet ihr Gesicht mit einem glücklichen Lächeln auf, wenn die Schwierigkeiten vorbei sind. Pulka war furchtbar neugierig, worüber Katja so vertieft las.
In der Diele klingelte es. Der Vater war von der Arbeit nach Hause gekommen. Katja legte das Buch weg und rannte zur Tür. Pulka wollte unbedingt herausfinden, wie ein Buch einen traurig oder glücklich machen kann. Sie sprang auf den Sessel, um das Geheimnis zu lüften, und streifte mit dem Schwanz eine Vase mit Blumen auf der Fensterbank.
Die Vase wackelte und fiel auf den Boden. Glänzende Scherben flogen überall herum. Pulka erstarrte vor Angst. Katja rannte in das Zimmer, sah die zerbrochene Vase und stürzte auf den Hund zu:
Ach, du ungezogenes Ding! Warte nur, ich zeige dir gleich, was ich von dir halte!
Pulka rannte weg, um sich zu retten. Jämmerlich winseln suchte sie nach einem Versteck und sah die Tür, die der Vater gerade nicht abgesperrt hatte. Pulka schlüpfte durch den Spalt, rollte die Treppe hinunter, rannte in den Hof und davon, ohne auf den Weg zu achten.
Ihr Herz klopfte vor Angst, sie meinte, Schritte hinter sich zu hören. Sie blieb stehen, kaum atmend, in der fernen Ecke des Hofes neben den Mülltonnen. Sie schaute sich um: niemand verfolgte sie. Da erschien hinter einer Tonne Cham – ein riesiger Straßenhund, der allen Haustieren Angst einjagte. Hinter seinem zottigen Rücken versteckten sich Butsch und Korschik.
Chams Freunde waren nicht sehr große Hunde, aber neben ihnen sah Pulka sehr klein und wehrlos aus. Sie wich erschrocken zurück, ihr Herz klopfte vor Angst. Und woher sollte sie Mut nehmen? In einem so kleinen Herz war kein Platz für Tapferkeit.
Na, na, – knurrte Cham, – haben sie dich rausgeworfen?
Nein, ich… ich bin weggelaufen, – stammelte Pulka.
Das ist richtig! – stimmte Butsch zustimmend zu. – Mit diesen Besitzern gibt es nur Ärger.
Aber ich bin selbst schuld, – versuchte sich Pulka zu rechtfertigen. – Meine Herrin war immer so lieb zu mir…
Was weißt du von Güte? – unterbrach sie Cham scharf. – Die Hauptsache ist, dass alle Angst haben! Das macht Spaß!
Und satt, – fügte Korschik hinzu, – denn man kann Schwachen das Essen wegnehmen.
Pulka antwortete nichts und dachte, dass Güte wohl sehr groß sein muss, wenn sie nicht einmal in den Herzen solch großer Hunde wie ihre neuen Freunde Platz hat. Was kann man da von einem Herz sagen, das nur so groß ist wie der kleine Finger eines Mädchens!
Inzwischen betrachtete Cham die verängsttigte Pulka aufmerksam. Schließlich flüsterte er mit seinen Freunden und sagte dann:
Meinetwegen. Wir nehmen dich in unsere Bande auf. Du bist klein und kannst Essen dort holen, wo wir nicht durchpassen. Aber pass auf: Ich bin hier der Chef! Und wenn etwas nicht stimmt, beiße ich dich entzwei! – Cham zeigte seine schrecklichen gelben Zähne.
Pulka blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen, denn allein zu sein war noch schrecklicher. Den Rest des Abends verbrachte die zottelige Bande wie gewöhnlich. Zuerst bewachten sie die Katzen im Keller, und als es dunkel wurde, schlichen sie zur Müllkippe hinter dem Lebensmittelladen und fanden etwas zu essen.
Korschik hatte Glück und fand sogar essbare Würstchen. Er lief ein wenig zur Seite und begann, sein Abendessen genüsslich zu verschlingen. Pulka liebte Würstchen sehr. Der leckere Geruch ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie bat Korschik um wenigstens ein kleines Stück, aber dieser knurrte nur und wandte sich ab.
Ist wirklich gar keine Großzügigkeit in deinem Herzen? – fragte Pulka.
Großzügigkeit? – wunderte sich Korschik. – Niemals! Wenn ich Großzügigkeit in mein Herz lasse, bleibt dort kein Platz für Bosheit und List, und dann kann ich mir kein Essen beschaffen. Großzügigkeit ist für Narren!
"Nein, Großzügigkeit ist gut für alle", – dachte Pulka, sagte aber nichts.
Zum Übernachten richtete sich die Straßenbande hinter den Mülltonnen in Kartons ein. Pulka bekam einen Karton von einem Wasserkocher. Es war eng darin, aber der Karton schützte gut vor Zugluft. Pulka schaute lange auf das leuchtende Fenster von Katjas Zimmer und dachte, wie traurig es ist, ein kleines Herz zu haben.
Wenn sie nur ein größeres Herz hätte, könnte darin Mut Platz finden, und dann könnte Pulka der Hofbande widerstehen und nach Hause zurückkehren. "Und wenn ich noch Platz für Großzügigkeit finde", dachte sie, "könnte ich mit Obdachlosen teilen, und sie müssten nicht stehlen." Aber am besten wäre es, Liebe ins Herz zu legen, dann würden von selbst Großzügigkeit, Treue, Güte und Mut erblühen.
Pulka schlief erst gegen Morgen ein. Ihr träumte von der zerbrochenen Vase.
Am Morgen, sobald die Sonne die Dächer der Häuser vergoldete, rannte Katja in den Hof, um Pulka zu suchen. Am Vorabend hatte sie ihre kleine Freundin gesucht, bis es dunkel wurde, aber die Mutter befahl ihr, nach Hause zu gehen. Katja konnte lange nicht einschlafen und weinte sogar ein wenig unter der Decke.
Sie machte sich große Sorgen um das, was passiert war, und tadelte sich selbst dafür, dass sie ihr kleines Haustier so sehr erschreckt hatte. Denn eine zerbrochene Vase ist nur kaltes Glas, das niemals die Wärme freundlicher Augen ersetzen kann. Katja begann, den Hof systematisch zu durchsuchen.
Pulka! Pulka! – rief sie und schaute unter jede Bank.
Schließlich kam Katja zu den Mülltonnen. Pulka, die erst bei Tagesanbruch eingeschlafen war, schlief fest. Aber ihre neuen Freunde waren wachsam.
Da ist die Besitzerin, – zischte Butsch. – Sie wird die Neue mitnehmen, ganz sicher.
Das werden wir noch sehen, – knurrte Cham.
Ja, das werden wir! – stimmte Korschik bereitwillig zu.
Die Hunde zeigten ihre Zähne und sprangen auf den Gehweg. Cham nahm eine Kampfstellung direkt vor Katja ein, während Butsch und Korschik von den Seiten heranschlichen und knurrten.
Verschwinde! – bellte Cham so laut, dass Pulka sofort aufwachte.
Sie sprang aus dem Karton und sah Katja, umgeben von wütenden Hunden. Ohne eine Sekunde zu zögern, stürzte sie sich auf ihre Herrin. Sie warf Korschik um und stieß Butsch zur Seite, und stand nun zwischen Katja und Cham. Ihr Fell sträubte sich, ihre Augen glänzten hell, und ihr Schwanz zitterte nervös.
Wage es nicht, meine Herrin anzufassen! – rief Pulka verzweifelt.
Cham blickte ihr in die Augen und sah eine unbekannte Kraft, unerschütterlich und allmächtig. Sein Kampfgeist verflüchtigte sich plötzlich, und sein Herz wurde von einer kalten, krallenbewehrten Pfote der Angst gepackt. Er sackte zusammen, drehte sich unbeholfen um und rannte mit ungleichmäßigen Schritten in die Ferne.
Der überraschte Butsch und Korschik eilten ihm nach. Pulka wandte sich Katja zu und wedelte unsicher mit dem Schwanz.
Katja ergriff das warme flauschige Knäuel und drückte es an ihre Brust, während glitzernde Tränen in der Morgensonne auf das schneeweise Fell fielen. Darin, in dem Knäuel, hörte sie, wie schnell, schnell ein kleiner elastischer Hammer schlug, und sie verstand, dass dort ein GROSSES HERZ schlug.